Von Grenzen zu Prozessen: Europas digitale Resilienz neu denken
Europas Sicherheit hing schon immer stärker von der gemeinsamen Gestaltung und Steuerung von Prozessen ab als von der Verteidigung von Grenzen. Auf dem European Resilience Summit in Berlin werden wir dieses Konzept erneut aufgreifen und der Frage nachgehen, wie Europa seine Organisationen und Industrien stärken, globale Technologien zu eigenen Bedingungen integrieren und eine gemeinsame Kultur der Resilienz fördern kann, um seine digitale Zukunft zu sichern.
Einleitung
Die europäische Integrationsbewegung kann uns viel lehren. Ihre bedeutendsten Governance-Innovationen – das „Acquis communautaire“, das gemeinsame Prozesse und Standards schuf, sowie das „Subsidiaritätsprinzip“, das Prinzip einer klugen Dezentralisierung – prägten Europas einzigartiges Kooperationsmodell. Sicherheit und Stabilität entstanden durch das gemeinsame Gestalten von Prozessen, nicht durch die Verteidigung von Grenzen.
Auf dem European Resilience Summit in Berlin werden wir erörtern, wie wir auf diesen Stärken aufbauen können. Wie kann Europa seinen historischen Erfolg bei der Schaffung von Frieden innerhalb der Union auf die Herausforderungen einer turbulenten digitalen Welt übertragen? Wie können wir unsere Organisationen und Industrien stärken, globale Technologien zu unseren eigenen Bedingungen integrieren und eine gemeinsame Kultur der Resilienz fördern?
Denn Europas digitale Zukunft wird nicht durch Isolation gesichert. Sie wird durch die Netzwerke geprägt, die wir aufbauen, das Vertrauen, das wir stärken, und die kollaborativen Prozesse, die wir umsetzen.
Von Europa lernen (und wo es sich nicht übertragen ließ)
Im Jahr 2007 organisierten wir an der Harvard Kennedy School einen Workshop mit dem Titel „Learning from Europe“. Unsere Idee war zugleich einfach und ambitioniert: Könnte das europäische Integrationsmodell, das auf der Steuerung grenzüberschreitender Prozesse statt auf der Verhärtung von Grenzen basiert, hilfreiche Einsichten für den Umgang mit Fragen von Souveränität und Migration zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko liefern?
Wir brachten eine beeindruckende Gruppe von Teilnehmenden zusammen, darunter Vertreter:innen des Weißen Hauses und von Los Pinos (der mexikanischen Präsidentschaft), hochrangige politische Entscheidungsträger:innen sowie Journalist:innen der New York Times. Zu diesem Zeitpunkt wirkte das Argument überzeugend. Europas Erfolg beruhte auf demselben Prinzip: visafreie Reiseabkommen, die Integration osteuropäischer Länder in die EU und umfassendere Sicherheitsrahmen. Durch die Einigung auf gemeinsame Standards und die Forderung interner Reformen im Austausch für konkrete Vorteile hatte Europa Sicherheit gestärkt und zugleich Freiheit ausgeweitet.
Und die Ergebnisse waren bemerkenswert. Zentral- und osteuropäische Länder, die diesen prozessorientierten Ansatz übernahmen, erlebten Jahrzehnte rascher wirtschaftlicher Konvergenz und verdreifachten oder vervierfachten häufig ihr Pro-Kopf-BIP zwischen 1990 und 2020. Mexiko hingegen, als Mitglied von NAFTA einem deutlich stärker grenzzentrierten Paradigma folgend, verzeichnete ein wesentlich langsameres Einkommenswachstum.
Doch in Harvard stieß die Idee auf Widerstand. Selbst liberale Journalist:innen unter unseren US-amerikanischen und mexikanischen Kolleg:innen beharrten darauf, dass Souveränität an der Grenze verteidigt werde – und nur dort. Dies war ein aufschlussreicher Moment: Während Europa Wohlstand durch die Koordination von Prozessen über Grenzen hinweg aufgebaut hatte, betrachtete ein großer Teil der übrigen Welt die Grenze selbst weiterhin als ultimativen Garanten von Sicherheit.
Heute führt Europa eine vergleichbare Debatte – diesmal über Cybersicherheit und digitale Souveränität.
Digitale Souveränität: Die neue Verunsicherung
In ganz Europa ist digitale Souveränität zu einem prägenden Thema geworden. Ein Großteil der Debatte geht jedoch davon aus, dass Souveränität bedeutet, den gesamten Technologie-Stack zu besitzen – von Chips und Dateninfrastruktur bis hin zu KI-Modellen und Cloud-Systemen. In einer heute tief globalisierten und vernetzten Welt führt dieser Anspruch jedoch häufig zu Frustration und Unsicherheit.
Vollständige Autonomie ist für kein Land der Erde realistisch oder effizient. Versuche, sie durchzusetzen, können unbeabsichtigte Folgen haben, etwa fragmentierte Märkte, gebremste Innovation und verpasste Chancen für globale Zusammenarbeit.
Die Cybersicherheit bietet eine aufschlussreiche Analogie. Traditionelle Strategien konzentrierten sich auf die Verteidigung des Perimeters – vergleichbar mit der Bewachung einer Burgmauer. Moderne Bedrohungen bewegen sich jedoch frei über Grenzen, Systeme und Netzwerke hinweg. Echte Sicherheit entsteht heute dadurch, dass man akzeptiert, dass Risiken überall vorhanden sind, und den Fokus darauf verlagert, Daten- und Informationsflüsse kontinuierlich zu steuern sowie Vertrauen auf jeder Ebene zu überprüfen. In der Cybersicherheit wird dieser Ansatz als „Zero Trust“ bezeichnet.
Europas politische Integration hat seit Langem eine ähnliche Denkweise verfolgt: Prozesse wurden grenzüberschreitend koordiniert, statt Grenzen vollständig abzuschotten. Ob es Europa jedoch gelingt, diese Stärke in seine digitale Zukunft zu übertragen – indem es von der Illusion vollständiger Kontrolle zu einem Modell praktischer Resilienz in einer wechselseitig abhängigen Welt übergeht – ist bislang offen.
Vier Leitfragen, die uns leiten
Resilienz ist kein Gegenstand. Sie ist weder eine einzelne Politikmaßnahme noch eine Technologie oder ein isolierter Rahmen – sie ist eine mehrdimensionale Praxis. Um Europas Fähigkeit zu stärken, in Zeiten von Disruption zu bestehen und zu gedeihen, müssen wir auf unterschiedlichen Ebenen arbeiten, die jeweils eigene Kompetenzen, Logiken und Gemeinschaften erfordern. Auf dem Summit werden wir vier Leitfragen untersuchen:
- Wie können wir Organisationen gegen digitale und systemische Bedrohungen stärken?
Resilienz beginnt mit der Absicherung der Grundlagen – durch die Stärkung und Härtung von Organisationen. Daraus ergeben sich zwei Unterfragen: Welche Sicherheitsmechanismen sind erforderlich, um Menschen, Geräte, Anwendungen und Daten zu schützen, ohne Nutzer:innen, Management und Kosten übermäßig zu belasten? Und zweitens: Wie lässt sich dieser Ansatz branchen- und gesellschaftsweit skalieren? - Wie kann Europa resiliente Industrien aufbauen?
Europa benötigt stärkere Kompetenzen in kritischen Bereichen wie Cloud, KI, Energie und Verteidigung. Die Herausforderung besteht darin, die Stärke ganzer Ökosysteme zu entwickeln. Erfolgreiche Industrien entstehen in Clustern, in denen Unternehmen, Regulierungsbehörden, Forschende und Kapitalgeber gemeinsam wachsen. Nach Michael Porters Diamond Model hängt Europas Wettbewerbsfähigkeit von Innovationsdichte, einer vielfältigen Lieferkette und der Minimierung einzelner Ausfallpunkte ab. - Wie können wir globale Plattformen integrieren, ohne Souveränität zu verlieren?
Europa wird stets auf globale Technologien angewiesen sein – von Hyperscalern bis hin zu führenden KI-Modellen. Souveränität bedeutet nicht Isolation, sondern das Management von Interdependenzen. Um dieses Gleichgewicht zu erreichen, benötigen wir einen Enterprise-Architecture-Ansatz, der technische und organisatorische Maßnahmen mit intelligenter Regulierung verbindet. So kann Europa von den besten globalen Diensten profitieren und gleichzeitig Kontrolle über Standards, Daten und Sicherheit behalten. - Wie können wir eine gemeinsame europäische Kultur der Resilienz fördern?
Letztlich hängt Resilienz von Menschen ab. Europas Vielfalt ist eine Stärke, kann jedoch in Krisenzeiten auch die Handlungsfähigkeit erschweren. Wir brauchen Vertrauensnetzwerke, die in friedlichen Zeiten aufgebaut und in Phasen der Disruption aktiviert werden. Gemeinschaften, die Wissen teilen, gemeinsam lernen und kooperieren, sind entscheidend für eine wirksame Reaktion auf Störungen. Resilienz ist hier sowohl eine soziale Kompetenz als auch eine organisatorische Disziplin.