Neubewertung der Ethik und Nachhaltigkeit von Halbleitern
Halbleiter treiben Technologien von KI und 5G bis hin zu medizinischen Geräten und erneuerbaren Energien an, doch ihre globale und ressourcenintensive Lieferkette ist zunehmend fragil. Dieses Papier fasst die Erkenntnisse eines zweitägigen interdisziplinären Workshops zusammen, der vom Civic Machines Lab am TUM Think Tank veranstaltet wurde, bei dem Expertinnen und Experten die ethischen, ökologischen und geopolitischen Herausforderungen untersuchten, die den Sektor prägen.
Was das Paper untersucht
Der Workshop identifizierte eine breite Palette systemischer Probleme, darunter:
- Umweltauswirkungen durch hohen Energie- und Wasserverbrauch, Umweltverschmutzung und Elektroschrott.
- Herausforderungen der Verlagerung von Produktionsstätten, bei denen wirtschaftliche Anreize ethische und ökologische Schutzmaßnahmen überlagern können.
- Mangelnde Transparenz bei der Rückverfolgbarkeit von Materialien entlang einer globalen und undurchsichtigen Lieferkette.
- Industriespionage und Risiken für geistiges Eigentum, die Bemühungen zur Gewährleistung von Sicherheit und ethischer Compliance erschweren.
- Fachkräfte- und Bildungslücken, verursacht durch einen Mangel an Expertise und veraltete Ausbildungsstrukturen.
- Wettbewerbs- und geopolitische Spannungen, die einen fairen Zugang zu Märkten und Technologien einschränken.
- Menschenrechtliche Bedenken in Regionen, in denen Rohstoffe unter gefährlichen Bedingungen abgebaut werden.
- Anfälligkeiten gegenüber externen Schocks, einschließlich Naturkatastrophen, Pandemien und politischen Spannungen.
Zentrale Empfehlungen
Das Papier skizziert konkrete Handlungspfade zur Stärkung des Halbleiter-Ökosystems.
- Klare Zielvorgaben zur Reduzierung von Emissionen, Wasserverbrauch und Energieeinsatz; eine verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien; sowie Transparenz über die Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebenszyklus.
- Stabilere und transparentere politische Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen und zugleich Nachhaltigkeit, Arbeitsrechte und technologische Souveränität schützen.
- Stärkere internationale Zusammenarbeit zur Verringerung von Abhängigkeiten, zur Stärkung der europäischen Marktposition und zur Sicherstellung eines fairen Zugangs zu kritischen Technologien.
- Investitionen in Bildung, Talentmobilität und lokale Innovationen, um Wissenslücken zu schließen und das Wachstum von Start-ups zu fördern.
- Verbesserte globale Arbeitsstandards und sicherere Arbeitsbedingungen durch gezielte Finanzierung und harmonisierte Regulierung.
- Stärkung der Resilienz der Lieferkette durch Diversifizierung, Risikomanagement-Netzwerke und Pufferstrategien.
Ausblick
Die Teilnehmenden entwickelten Zukunftsszenarien für das Jahr 2030 und darüber hinaus, die von fragmentiertem Protektionismus bis hin zu global koordinierter Nachhaltigkeit reichen. Dabei kristallisierten sich zwei Visionen heraus:
- Klimagetriebene globale Zusammenarbeit mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft, Transparenz und Innovation.
- Regulierungsgetriebene Nachhaltigkeit und Resilienz, bei der starke Governance – insbesondere in Europa – Fairness, Kreislaufwirtschaft und langfristige Wettbewerbsfähigkeit vorantreibt.
Die Verwirklichung dieser Zukunftsszenarien erfordert koordiniertes Handeln von Industrie, Regierung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Projektpartner
Dieses Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Partnern von Sony AI und Infineon durchegführt, deren Expertise maßgeblich zur Ausrichtung und zu den Erkenntnissen beigetragen hat.
Die in diesem Papier dargestellten Inhalte und Ansichten geben ausschließlich die Auffassung der Autorinnen und Autoren wieder und sind weder der TUM Think Tank als Institution noch ihren verbundenen Mitgliedern oder Projektpartnern zuzuschreiben.