Wie Bayern eine klimapositive Baustoffindustrie aufbauen und Vorreiterrolle für Moorinnovation einnehmen kann
Zentrale Handlungsfelder für die Förderung der Nutzung von Biomasse aus dem Moor für Materialien im Bausektor Bayerns
Moore bedecken nur 3 % der globalen Landfläche, speichern aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. In Deutschland sind über 90 % der Moorböden trockengelegt und setzen seitdem kontinuierlich CO2 frei. Gleichzeitig birgt Paludikultur, d.h. die land- und forstwirtschaftliche Nutzung wiedervernässter Moorböden, ein enormes Potenzial für den Klimaschutz und eine nachhaltige Bauwirtschaft.
Baustoffe aus Moorpflanzen wie Seggen, Rohrkolben (Typha) oder Rohrglanzgras können große Mengen Kohlendioxid binden und langfristig in Gebäuden speichern. Forschungen zeigen, dass durch den Anbau von Baumaterial auf nassen Mooren der „Klima-Rucksack" herkömmlicher Baustoffe wie Beton ausgeglichen werden kann. Klimapositive Gebäude durch Moorbaustoffe sind also heute schon denkbar. Auch das Bundesumweltministerium hat diese Woche ein neues Förderprogramm vorgestellt: Bis Ende 2029 stellt die Bundesregierung 1,75 Milliarden Euro bereit, um 90.000 Hektar Moorböden wieder zu vernässen, bei gleichzeitiger land- und forstwirtschaftlicher Nutzung.
Für diesen Durchbruch im Bausektor braucht es jedoch gezielte Anreize. Ein neuer Policy Brief von Niklas Fanelsa (Professur für Architektur und Design, Technische Universität München) und Nele Ziegler zeigt, wie Bayern die Nutzung von Paludikultur-Materialien im Bausektor vorantreiben kann.
Zentrale Handlungsfelder
Akteure vernetzen
Die Entwicklung einer neuen regionalen Wertschöpfungskette erfordert die Zusammenarbeit aller Beteiligten, von der Moorbewirtschaftung über die Baustoffindustrie und Bauunternehmen bis zu Wissenschaft und Verwaltung. Derzeit stockt die Einführung von Paludikultur-Baustoffen, weil alle aufeinander warten: Landwirt:innen zögern ohne Absatzmarkt, Verarbeitende ohne Rohstofflieferanten. Die Bauwirtschaft signalisiert bereits Interesse, die Nachfrage ist nicht das Problem. Ein starkes Netzwerk kann diesen Stillstand auflösen und Vertrauen schaffen.
Konkret empfehlen Fanelsa und Ziegler die Einrichtung einer zentralen Koordinationsstelle, die Angebot und Nachfrage bündelt und zu Technik und Recht berät. Ergänzend sollte eine bayerische Innovationsplattform „Paludikultur-Bauen" aufgebaut werden, getragen von Umwelt-, Wirtschafts- und Bauministerium, die Landwirt:innen, Verbände, Hersteller:innen, Baufirmen und Architekt:innen regelmäßig zusammenbringt. Verbindliche Kooperationen mit Abnahmegarantien und Lieferzusagen sollen Planungssicherheit schaffen.
Politische Rahmenbedingungen und finanzielle Anreize stärken
Bayern hat mit dem Moorbauern-Programm seit 2024 wichtige erste Schritte unternommen: Landwirt:innen auf entwässerten Moorböden erhalten Prämien für die Wiedervernässung, besonders beim Einstieg in die Paludikultur. Diese Agrarförderung muss jedoch durch industrie- und baupolitische Maßnahmen ergänzt werden. Ein baustoffneutraler Ansatz, der alle Materialien formal gleichbehandelt, verkennt die spezifischen Klima- und Regionalvorteile von Paludi-Baustoffen.
Der Policy Brief empfiehlt einen Förderfonds mit Zuschüssen und zinsgünstigen Darlehen für Unternehmen, die Produktionsanlagen errichten oder Pilotprojekte umsetzen. Die Förderquoten sollten zu Beginn höher ausfallen und schrittweise reduziert werden, um frühe Pioniere zu belohnen und das anfängliche Risiko zu mindern. Darüber hinaus sollten steuerliche Vorteile für klimafreundliche Baustoffe eingeführt und die Kosten für Materialzulassungen – analog zu früheren Programmen für Naturdämmstoffe – öffentlich mitgetragen werden, um Paludi-Produkte schneller baurechtlich verfügbar zu machen. Langfristig müssen strengere Vorgaben zur Reduktion grauer Emissionen von Gebäuden festgelegt werden, was nachhaltigen Materialien einen strukturellen Marktvorteil verschafft. Paludikultur-Materialien sollten zudem in der Bioökonomiestrategie Bayern und im Klimaschutzprogramm verankert werden.
Forschung, Entwicklung und Skalierung fördern
Trotz positiver Pilotprojekte und Prototypen stehen Paludikultur-Baustoffe noch am Anfang. Bayern verfügt mit TUM, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und dem Fraunhofer IBP über starke Forschungseinrichtungen, deren Erkenntnisse nun in industrielle Anwendungen überführt werden müssen. Ergebnisse aus Verbundprojekten wie MOORuse (2016–2022) haben bereits gezeigt, wie Paludikulturen etabliert und mit regionaler Wertschöpfung verknüpft werden können.
Nötig sind neue interdisziplinäre FuE-Verbundprojekte, die gezielt an wirtschaftlichen und technischen Hürden arbeiten. Der Schritt vom Labor zur Industrie braucht zudem gezielte Förderung für Pilotanlagen in Moorregionen. Parallel muss die Normung und Zulassung der Paludi-Baustoffe vorangetrieben sowie Schulungen und Lehrmodule für Planer:innen und Handwerker:innen entwickelt werden, um Akzeptanz und sachgerechte Anwendung der neuen Materialien zu fördern.
Wirtschaftliche Chancen und regionale Wertschöpfung nutzen
Die Förderung von Paludikultur-Baumaterialien ist Klima- und Wirtschaftspolitik zugleich. Bayern kann damit einen neuen Wirtschaftszweig aufbauen, der ländliche Regionen stärkt und exportfähiges Know-how schafft. Das Altbayerische Donaumoos bietet als größtes Moor Süddeutschlands großes Potenzial für regionale Wertschöpfung – von der Wiedervernässung bis zum Bauhandwerk. Mit Unternehmen wie iStraw und Typha Technik verfügt Bayern bereits über Pioniere, die die Basis für eine starke Marktkompetenz im Bereich nachhaltiger Baustoffe legen könnten.
Geeignete Moorflächen sollten identifiziert und gemeinsam mit Landwirt:innen regionale Nutzungskonzepte entwickelt werden. In Modellregionen wie dem Donaumoos oder dem Schwäbischen Donauried kann die gesamte Kette von Anbau bis Absatz erprobt werden. Bayerns bestehende Stärken in der Holzbau- und Dämmstoffbranche bieten dabei industrielle Synergien und können Paludi-Produkte integrieren.
Öffentliche Bauprojekte als Treiber der Marktentwicklung
Die öffentliche Hand kann als Bauherr entscheidend zur Markteinführung nachhaltiger Materialien beitragen. Durch den Einsatz von Paludikultur-Baustoffen in öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Besucherzentren, Wohnungs- oder Verwaltungsbauten entstehen Referenzprojekte, die Akzeptanz und Vertrauen in der Branche fördern. Wie einst beim Holzbau kann Bayern auch hier mit ambitionierten Standards vorangehen. Öffentliche Ausschreibungen sollten Nachhaltigkeitskriterien einbeziehen und bei Gleichwertigkeit ökologische Materialien bevorzugen. Ein Landesprogramm könnte Kommunen finanzielle Anreize bieten, Paludi-Materialien einzusetzen und damit etwaige Mehrkosten auszugleichen.
Schlussfolgerung
Nach Jahrzehnten des Stillstands herrscht Aufbruchstimmung für Paludikultur-Materialien im Bauwesen. Die Klimakrise und neue politische Weichenstellungen, von der nationalen Moorschutzstrategie bis zur CO₂-Bepreisung im Bau, erzeugen Druck und Chancen zugleich. Durch entschlossenes Handeln kann Bayern die Lücke zwischen Forschung und Praxis schließen und eine klimafreundliche Industrie der Zukunft aufbauen. Innovationen wie Moor-Baustoffe verbinden Klimaschutz, Ressourcenschutz und regionale Wertschöpfung in einmaliger Weise. “Deutschland ist stark in der Forschung, nun muss es auch stark in der Umsetzung werden”, so Fanelsa und Ziegler.
Disclaimer
Die in diesem Policy Brief geäußerten Inhalte und Ansichten geben ausschließlich die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder und sind nicht dem TUM Think Tank als Institution oder seinen Mitgliedern zuzuschreiben.