Algorithmen sichtbar machen
Wie können junge Menschen lernen Social Media gut zu navigieren?
Algorithmen sozialer Medien bestimmen, was junge Menschen zu sehen bekommen, welche Inhalte viral gehen und wessen Stimmen verstärkt werden. Für die meisten Nutzer*innen bleiben diese Algorithmen jedoch völlig unsichtbar.
Ein neuer Peer-Review-Fachartikel des Friedrich Schiedel Stipendiaten Santiago Hurtado und Anna Keune, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Learning, Culture and Social Interaction, setzt sich genau mit dieser Unsichtbarkeit auseinander.
Der Artikel „Materializing Social Media Youth Practices for Algorithmic Learning“ entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Connected Algorithmic Learning“. Darin beobachteten und interviewten die Forschenden jugendliche Mädchen auf verschiedenen Social Media Plattformen, um zu verstehen, wie sie in ihrem digitalen Alltag mit algorithmischen Systemen umgehen. Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen keineswegs passive Nutzer*innen sind: Sie experimentieren, passen ihr Verhalten an und entwickeln ein intuitives Verständnis dafür, wie Plattformen funktionieren. Gleichzeitig fehlen ihnen jedoch häufig die begrifflichen und analytischen Werkzeuge, um dieses implizite Wissen bewusst zu reflektieren, zu erklären oder auf andere Kontexte zu übertragen.
Auf der Grundlage konstruktivistischer Lerntheorien argumentiert die Studie, dass die Lösung nicht in mehr Warnungen oder klassischen Top-down-Ansätzen der Medienbildung liegt. Stattdessen braucht es praxisnahe Lernumgebungen, in denen junge Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit sozialen Medien sichtbar und greifbar machen können. Ziel ist es, die algorithmischen Logiken, mit denen sie täglich interagieren, erfahrbar, sichtbar und diskutierbar zu machen.
Dazu gehören konkrete analoge und digitale Formate wie Workshops, Fokusgruppen oder curriculare Bildungsangebote, die soziale Medien nicht als undurchsichtige „Black Box“, sondern als ein System begreifen, das untersucht, ausprobiert und mitgestaltet werden kann.
Die Bedeutung dieser Erkenntnisse reicht über das Verständnis algorithmischer Konzepte in sozialen Medien hinaus und umfasst auch den Umgang mit Risiken in digitalen Umgebungen. Wie Santiago Hurtado betont:
„Die Risiken in sozialen Medien und bei KI sind ähnlich. Wenn junge Menschen lernen, diese zu verstehen, sind sie besser darauf vorbereitet, solche Alltagstechnologien kritisch zu nutzen.“
Indem digitale Risiken als Lernchance statt ausschließlich als Bedrohung verstanden werden, zeigt die Studie auf, wie Schulen und Bildungsakteur*innen algorithmische Mündigkeit fördern und junge Menschen dazu befähigen können, die digitalen Umgebungen, in denen sie leben, informiert und aktiv mitzugestalten.
Die Forschung wurde an der TUM IAS Rudolf-Mößbauer-Tenure-Track-Professur für Learning Sciences and Educational Design Technologies am Department of Educational Sciences der Technischen Universität München (TUM) durchgeführt. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Munich International School und wurde durch das Friedrich Schiedel Fellowship von Santiago Hurtado am TUM Think Tank unterstützt.
Die vollständige Studie finden Sie hier (auf Englisch):
Materializing Social Media Youth Practices for Algorithmic Awareness